Dat Kind muss doch was essen
Eigentlich wäre es viel klüger, anstelle von diesem Blog eine Baby-Gebrauchsanweisung zu schreiben. So einen dicken Schinken, der alle Themengebiete abdeckt mit verschiedenen Variante für die unterschiedlichen Babymodelle. Allen Erst-Eltern würde dieser dann im Krankenhaus zusammen mit dem Neugeborenen übergeben. Dazu vielleicht eine praktische App, da Blättern im Buch mit Baby im Arm nicht besonders alltagstauglich ist. Ich jedenfalls wäre sehr dankbar dafür gewesen.
Ein ganzes Kapitel dieses umfassenden Werkes würde ich dem Füttern des Babys widmen. Am Anfang ist es ja einfach. Das Baby bekommt Milch – ob aus der Flasche oder der Brust ist eigentlich egal. Wobei ich – als pragmatischer Mensch – froh war, dass bei uns das Stillen wunderbar funktioniert hat (oder besser funktioniert, denn wir stillen auch mit 11 Monaten noch). Jederzeit und überall die perfekt temperierte Nahrung mit der idealen Nährstoffzusammensetzung – einfacher geht es nicht. Meine Hebamme erklärte mir, dass ich die ersten 6 Monate voll stillen könnte und danach mit Brei beginnen sollte.
Mich irritierte zwar, dass auf allen Gläschen im Supermarkt stand „ab dem 4. Monat“, da ich aber meine Hebamme sehr schätze und ihrer jahrelanger Erfahrung vertraue, plante ich es genauso zu machen, wie sie es empfohlen hatte. Allerdings hatte ich nicht einkalkuliert, dass das Babynahrungsindustriemarketing Eltern so perfide indoktriniert, dass alle denken, Babys würden mit 4 Monaten DRINGEND den ersten Brei benötigen. Diese Tatsache führte oft zu folgenden Dialogen: „Wie alt ist denn Lina jetzt?“ fragte zum Beispiel eine gute Bekannte. „Vor einigen Tagen gerade 4 Monate geworden“, antwortete ich. “ Ah, dann bekommt sie also schon Brei“, schlussfolgerte mein Gegenüber. „Nein, ich stille noch voll, Lina hat noch kein Interesse am Essen.“ Sichtliche Irritation meiner Gesprächspartnerin. „Wirklich? Na ja, das muss natürlich jeder selber entscheiden.“ Mitleidiger Blick, der den Körper meiner Tochter nach ersten Anzeichen eines Hungerödems abtastet, und abruptes Ende des Gesprächs.
Bleibt hinzuzufügen, dass meine kleine Lina in diesem Alter ein richtiger Stillbuddha war, mit süßen Speckröllchen am ganzen Körper. Sie sah wahrlich nicht so aus, als stünde sie kurz davor, wegen Unterzuckerung zu kollabieren oder den Hungertod zu sterben.
Dialoge dieser Art gab es in den folgenden Wochen noch einige mehr. Eine Freundin war felsenfest davon überzeugt, dass meine Tochter Essen braucht. Schließlich würde sie sehr interessiert gucken, wenn wir essen. Nun ja, nach dieser Logik würde meine Tochter auch dringend kochen, bügeln und waschen wollen, gern mal ein Bier trinken und bellen, wenn der Postbote klingelt. Denn alles, was Mama, Papa oder unser Hund tun, ist für sie sehr interessant. Ich blieb standhaft und stillte weiter. Mit knapp 6 Monaten griff Lina dann plötzlich beim Frühstück nach meinem Brot und schob es sich in den Mund. Okay, dachte ich, nun wird es Zeit.
Eifrig studierte ich die Breikochbücher, die ich in der Schwangerschaft von Freunden bekommen hatte. Frisch, gesund und lecker – so sollte das Essen für Lina sein. Ich kochte die gesamte Palette an Gemüse zu Brei, die der Gemüsehändler zu bieten hatte. Und meine Tochter? Statt mir Respekt zu zollen für meine Mühen in der Küche, verschmähte sie Brei um Brei. Viel interessanter war es, mit dem Löffel selber in der Pampe zu rühren und Karotte, Pastinake oder Brokkoli im Gesicht zu verteilen. Hilfesuchend rief ich meine Hebamme an. „Vielleicht mag sie einfach keinen Brei“, meinte sie. Dass es Babys geben sollte, die keinen Brei mögen, war neu für mich. „Koch ihr Gemüse und lass sie mit den Händen essen“, so ihr Rat.
Und siehe da. Lina war plötzlich begeistert vom Essen. Ebenso übrigens der Hund, der seit diesem Tag immer neben dem Hochstuhl wartet, in der Hoffnung, es würde etwas runterfallen. Meine Begeisterung hielt sich allerdings in Grenzen. Bei jeder Mahlzeit hatte ich panische Angst, sie würde sich verschlucken. Ich schaute im Selbststudium ein Dutzend Videos bei YouTube an, in denen erklärt wird, was beim Verschlucken zu tun ist, probierte verschieden Rettungsgriffe an einer ausrangierten Kleiderpuppe im Keller aus und buchte einen Kurs in Erster Hilfe. Der Blick meines Mannes, als ich ihm das erzählte, galt eindeutig der Suche nach den Rotoren über meinem Kopf, denn so verhält sich seiner Meinung nach eine Helikoptermama. Naja, ganz unrecht hat er nicht. Ernsthaft verschluckt hat sich Lina nie und inzwischen isst sie alles – am allerliebsten Würstchen.
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Ich hab auch öfter gedacht mein Sohn stirbt, habe auch einen Kurs gemacht und nach den ersten zwei Wochen hat er dann auch verstanden, dass man sich sein Essen nicht bis zum Zäpfchen schiebt. 🙂 sehr schön geschrieben, wie die letzten Einträge auch.
Lieben Gruß.
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Ja, das Würgen am Anfang ist fürchterlich 😂Danke für Dein liebes Feedback
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Super geschrieben! Mit dem Stillen ging es mir genau gleich und ich habe es jedes Mal so genossen….
Mein Sohn hat allerdings den Brei geliebt und tut es heute mit sechs Jahren noch😃
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Liebe Michelle, schön von Dir hier zu lesen. Inzwischen mag meine Kleine eine Art von Brei: es nennt sich Müsli 😂😂
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Ich habe hier einen 8 Monate alten Essens-Verweigerer… ich stille ihn noch voll weil er weder Brei noch sonstige „feste“ Nahrung haben möchte… beim Essen darf er alles probieren aber bisher war nix von Erfolg gekrönt. Ich persönlich finde es nicht schlimm und er ist alles andere als unterernährt; -) aber diese Gespräche wie im Text beschrieben nerven mich langsam doch schon sehr… permanent soll man sich dafür rechtfertigen dass man ein 8 Monate altes Baby noch voll stillt. Zum Glück ist er mein drittes Kind, so dass ich schon abgehärtet bin was kluge Ratschläge angeht!
Sehr schön geschrieben :-*
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Liebe Anne, ja, man braucht echt ein dickes Fell. Ich erlebe gerade dass es viele befremdlich finden dass ich meine fast einjährige noch stille. Würde sie in dem Alter noch das Fläschchen brauchen wäre es aber normal. Verrückte Welt.
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Immer diese „guten“ Ratschläge…🤦🏻♀️ Schön geschrieben. Musst laut lachen als es ums kochen, bügeln und Biertrinken ging. 😁
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