Wollen wir nicht mal Essen gehen?
Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem Freund, der meinte: „Meine Schwiegermutter will einfach nicht verstehen, dass wir mit unserem Sohn abends nicht essen gehen wollen“. Ehrlich gesagt, verstand ich es damals auch nicht so richtig. Der Sohn war ungefähr 2 Jahre alt und als noch Kinderlose stellte ich mir das total easy vor: Kind in den Hochstuhl, es kriegt etwas zu essen, die Erwachsenen plaudern angeregt miteinander und genießen dabei ihre Mahlzeit.
Tja, seit ich Mama bin, weiß ich genau, was er meinte. Seit Linas Geburt habe ich so ziemlich alle abendlichen Treffen mit Freunden zu uns nach Hause verlagert. Eine der ersten Ausnahmen war der Geburtstag meines Mannes. Lina war zu dem Zeitpunkt viereinhalb Monate alt und Freunde hielten es für eine tolle Idee essen zu gehen. Ich war da eher skeptisch….“Nimm doch den Kinderwagen mit, dann kann Lina darin schlafen, wenn sie müde ist “ so der Vorschlag, um mich umzustimmen. Da ich wenig Lust auf eine Diskussion hatte, sparte mir die ausufernde Erklärung, dass Lina den Kinderwagen hasst und bestimmt nicht darin schlafen würde. Stattdessen schnallte ich mir die Kleine um den Bauch und wir spazierten zum Restaurant. Wenigstens fand mein Vorschlag Gehör, ein Restaurant zu wählen, das fußläufig erreichbar war, denn Lina mochte auch Autofahren ganz und gar nicht.
Lina schlief auf dem Hinweg ein und in mir keimte die leise Hoffnung, dass es doch ein gemütliches und ruhiges Essen werden könnte. Es war ein lauer Frühlingsabend im Mai, so warm und windstill, dass man draußen sitzen und über den Wannsee blicken konnte. „Wie schön und so romantisch“ dachte ich und freute mich mit einem Rest von Pessimismus darüber, dass wir nicht reingehen mussten, denn in geschlossenen Räumen klingt Babygeschrei irgendwie lauter. Alle nahmen Platz, nur ich blieb rhythmisch wippend mit Lina am Tischende stehen. „Setz Dich doch“, so der eine Freund meines Mannes, „Du kannst doch nicht den ganzen Abend so stehen“. Noch etwas skeptisch beäugte ich meine friedlich schlummernde Tochter. War vielleicht heute der Wendepunkt? Spürte Lina etwa, dass Papa einen besonderen Tag feierte? Könnte ich es wagen, mich zu setzten, ohne dass meine Tochter aufwachen und schlecht gelaunt protestieren würde?
In Zeitlupentempo beugte ich die Knie und ließ mich vorsichtig auf den Stuhl nieder. Kaum hatte aber mein Hinterteil die Sitzfläche berührt, schlug meine Tochter die Augen auf. Blitzschnell stand ich wieder auf und wippte auf und ab. Aber es war zu spät und in gewohnter Lautstärke zeigte meine Tochter, was sie von unserem Ausflug hielt. Hektisch versuchte ich sie zu stillen. Inzwischen war ich so geübt, das dies auch in der Trage möglich war. Aber Lina hatte keinen Hunger, sondern war einfach nur müde. Schließlich war ihre Schlafenszeit angebrochen und sie vermisste das heimatliche Bett. Alle Augen im Gartenlokal schienen auf mich gerichtet. Ich lief auf und ab und versuchte sie wieder in den Schlaf zu begleiten. Erfolglos. Der Abend endete für mich hungrig, denn bis auf ein paar Bissen, die ich im Stehen hinunterwürgte, landete nichts vom leckeren Geburtstagsessen in meinem Magen.
Die nächsten Wochen blieben wir wieder zu Hause. „Das ist doch total blöd für Euch, wenn ihr nicht mal mehr essen gehen könnt“, meinte ein kinderloser Bekannter. Nun ja, ich war so oft im Restaurant in meinem Leben, dass ich es nicht als tragisch empfand einige Zeit darauf zu verzichten. Gerade war allerdings mein Bruder aus der Schweiz zu Besuch, begleitet von seiner Frau, meiner bezaubernden Nichte (fast 4 Jahre alt) und meinem süßen Neffen (16 Monate). Kaum zu glauben, aber wir schafften es tatsächlich zweimal abends ins Restaurant zu gehen. Wie nach der Erfahrung im Mai zu erwarten war entsprachen beiden Abende natürlich nicht meiner Vorstellung von friedlich speisenden Kindern im Hochstuhl und sich angeregt unterhaltenden Erwachsenen. Immer war einer von uns damit beschäftigt, etwas in Sicherheit zu bringen oder die Kinder zu bespaßen. Aber schön war es trotzdem – wir sind also auf einem guten Weg.
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