Unter Müttern

Einige Wochen nach der Geburt lernte ich ein neues, mir bis dato unbekanntes Gefühl kennen: Einsamkeit. Nicht zu verwechseln mit Langeweile, denn diese kam mit meinem äußerst fordernden Baby wirklich nicht auf. Aber ich fühlte mich alleine. Die „Babyguckbesuche“ waren meist aufs Wochenende beschränkt, und mein Mann verdiente das Geld für all den nützlichen Babykram. Coole Mamas zum Vertreiben der Einsamkeit mussten also her.

Die ersten Kontakte knüpfte ich im Rückbildungskurs. Zugegeben, viel Chancen zum Plaudern gab es nicht, da meine Tochter ihre Meinung zu dem Kurs lauthals wie eine Dauersirene kundtat. Aber einiges nahm ich doch mit …..

Beim ersten Termin eröffnete eine Mama das Gespräch wie folgt: „Wie sind denn Eure Nächte so…?“, fragte sie in die Runde. Schweigen. „Ganz gut“, flüsterte dann die erste Mutter ein wenig schüchtern und wurde rot. „Theo schläft so gut wie durch“. „Julius auch“, schloss sich schnell  die Zweite an. Entgeistert starrte ich die beiden an. Vergeblich wartete ich darauf, dass augenblicklich ihre  Nasen länger werden würden. Es lag auf der Hand: Die Mamas schwindelten sich (und uns anderen) gerade was vor.

„Meine Nächte sind eine Katastrophe“ warf ich ein. „Meine Tochter kommt alle zwei Stunden, und das sind die guten Nächte.“ Die Stimmung schien zu kippen. Irgendwie kam meine Ehrlichkeit nicht gut an.

„Theo dreht sich schon““, rief Mama eins. Sie hatte wohl beschlossen, das Thema Schlaf nicht weiter zu erörtern. Ich schaute Theo an. Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Ehrlich gesagt machte er auf mich nicht gerade den Eindruck, als wäre er ein motorischer Überflieger. „Max versucht, ins Sitzen zu kommen.“, wetteiferte eine andere Mama. Max war zu dem Zeitpunkt gerade mal zwölf Wochen alt. Ich staunte. Ich war wohl im Rückbildungskurs der Mütter mit hochbegabten Babys gelandet. Später stellte ich fest, dass viele Mütter sich über die Leistung ihrer Kinder definierten. Mir ist es ehrlich gesagt egal, wann Lina was kann. Ich bin ganz sicher, sie wird nicht in die Schule krabbeln. J

„Lina übt sich grad in Mandarin“, witzelte ich. Wieder Schweigen. Ironie schien im „Höher-Schneller- Weiter-Wettkampf“ der Mütter nicht gefragt zu sein.

Leider erfuhr ich an diesem Tag nicht, zu welchen weiteren unglaublichen Dingen die anderen Babys bereits fähig waren. Meine Tochter wurde langsam heiser und wollte nur noch weg – ich konnte es ihr nicht verübeln. Ich begriff: Nur weil man zur ungefähr der gleichen Zeit ein Kind bekommen hat, ist man nicht automatisch auf der gleichen Wellenlänge. Als Basis für eine Freundschaft zwischen Frauen reicht ein ähnlicher Geburtstermin auf jeden Fall nicht.

Ps: Coole Mamas habe ich dann doch noch getroffen. Sie sind und waren mein Anker in der stürmischen Elternzeit.

Allgemein

8 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ich muss immer herzlichst Lachen, denn es ist so wahr:) Die Art des Schreibens macht das ganze Thema noch viel amüsanter und definierter- danke Dir dafür.

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  2. Ja, vor der Einsamkeit war auch ich nicht gefeit. Zum Glück gibt es das Internet mit Mami-Kontaktbörsen – und auch die gute alte Möglichkeit, andere Frauen mit Kinderwagen im Park anzuquatschen. Auf diese Weise habe ich sehr nette Verbündete gefunden, die sich auch dem Leistungsvergleich verweigern.

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  3. Haha, das habe ich in der Kita auch erlebt. „Mein Kind ist schon ganz ganz weit, du wirst es nicht glauben, er hat aus einem Strohhalm getrunken! Mit acht Monaten!!!“ – Lächeln, Nicken, die Flucht ergreifen vor diesen Gesprächen. Klasse, dass du es mit Ironie versucht hast, aber auf diesem Ohr sind die Wettbewerbsmamis taub. 😀

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  4. Du sprichst mir aus der Seele! Wirklich, habe fast eins zu eins das selbe erfahren. Ehrlichkeit und vor allem Einsamkeit!!! waren auch meine größten Hürden am Anfang und jetzt ist es dieser Leidtungskampf. Aber immerhin wird es dadurch nicht langweilig. Liebe Grüße

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