Die wandelnden Elternratgeber

Meine Tochter hatte in den ersten Monaten große Probleme, in unserer hektischen Welt anzukommen. Ich glaube, sie fühlte sich wie ein Eremit, den man aus seiner stillen Höhle nach Las Vegas in eine Spielhalle voll mit ununterbrochen blinkenden und klingelnden Slot Machines gebeamt hatte. Sie wollte nur eines: Zurück in den mütterlichen Bauch – und das sofort!

Also versuchte ich, ihr zumindest ein wenig Bauchgefühl zurückzugeben. Ich wurde zum Känguru und hatte meine Tochter die meiste Zeit des Tages um den Bauch gebunden. Für das klassische Tragetuch war ich zu grobmotorisch. Die Puppe beim Geburtsvorbereitungskurs ist mir beim Versuch, den meterlangen Stoff um meinen Körper zu drapieren, zweimal runtergefallen (und zwar nicht auf den „Popo“, wie die Kursleiterin vor allen Teilnehmerinnen mehrmals betonte, sondern auf den KOPF!!!). Dieses Schicksal wollte ich meiner Tochter auf alle Fälle ersparen. So zog eine schöne und praktische Trage von Fräulein Hübsch bei uns ein.

Lina schlief darin (natürlich nur, wenn ich mich bewegte) und ich hatte die Hände frei, um ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen. Auch in der Trage weinte meine Tochter leider oft. Aber sie weinte bei mir und nicht alleine im Bettchen. Denn, wenn ICH traurig bin, geht es auch mir viel besser, wenn mich jemand liebevoll in den Arm nimmt und ich nicht alleine in mein Kissen heulen muss. Ich arrangierte mich mit der unbequemen Situation, denn mir war klar:  Meine Tochter weint nicht, um mich zu ärgern oder gar aus Berechnung. Es ist schlicht ihre einzige Möglichkeit, mir zu sagen, dass etwas grad nicht ok ist.

Meine ganz persönliche Herausforderung war jedoch nicht meine Tochter, sondern mein Umfeld. Um Lina möglichst wenig zu stressen, beschränkte ich das Verlassen der heimatlichen Höhle auf ein Minimum. Aber auch unser Hundemädchen hatte Bedürfnisse und ab und an musste der Kühlschrank wieder gefüllt werden. So stapfte ich mit angeschnalltem Baby los, um mit dem Hund eine Runde zu drehen und beim Supermarkt vorbeizuschauen. Meist fing Lina nach kurzer Zeit an zu weinen. Es dauerte nicht lange, bis die erste helfende Person stehenblieb. Es spielte keine Rolle, ob wir uns kannten oder nicht. Mir schien, als hätte die gesamte Menschheit immer eine Tüte voll nützlicher Babytips dabei – allzeit bereit, sie über der wehrlosen Mama auszuschütten. Überall rief es: „dem Baby ist bestimmt zu kalt „, „dem Kind ist sicherlich zu warm“, „das Baby hat Hunger“ , „ach, die Arme, hat sie vielleicht die Windel voll?“, „das Kleine bekommt doch in dem Beutel da gar keine Luft“ , „also bei X (hier kann jede beliebige Person die Variable ersetzen) hat Y super funktioniert“. Es war ein Spießrutenlauf und irgendwann gewöhnte ich mir an, nur noch mit gesenktem Kopf jeden Augenkontakt vermeidend durch die Gegend zu laufen. Mein Körper sollte signalisieren: „Sprich mich bloß nicht an!“. Ich war voll genervt von all den mir unbekannten Elternratgebern.

Doch auch mein näheres Umfeld wusste meist ganz genau, was denn das Beste für meine Tochter wäre. „Vielleicht reicht Deine Milch nicht und du musst zufüttern“ spekulierte eine Nachbarin. (In diesem Punkt war ich mir sehr sicher: ein Mangel an Milch bestand nicht. Ich hätte im Nebenjob als Amme arbeiten können.) „Sie hat Dich ja gut im Griff“, meinte ein Bekannter. „Kein Wunder, dass sie so viel schreit, wenn Du immer sofort springst“. Dieser Satz verursacht bis heute bei mir verständnisloses Kopfschütteln, wenn ich ihn höre. Ja, ich habe meine Tochter nie schreien lassen und das bleibt auch so. Denn sie soll sich ganz sicher sein – auf meine Mama ist Verlass, sie kommt, wenn ich sie brauche.

Irgendwann beschloss ich, mich von den Menschen, die mir nicht gut taten, fernzuhalten. Zum Glück gab es aber auch noch andere. Freunde, die mich nach einem Seelenstripteas in den Arm nahmen und sagten: „Du machst das ganz prima. Du bist eine tolle Mama.“ Danke dafür!

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4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Ja,mit Baby ist es ein bisschen wie mit einem Hund. Jeder hat das Gefühl, er darf mit einem reden. Ob das gerade passt oder nicht. Meiner Erfahrung nach nimmt das mit dem Verlassen des Kleinkindalters rapide ab.
    Ich finde gut, dass du deine Tochter nicht hast schreien lassen. So ein Würmchen muss doch Urvertrauen finden, damit es irgendwann die Welt schön finden kann.

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  2. Du sprichst mir aus der Seele!!! Toll sind auch die Omis im Supermarkt, die dem Kind ungefragt in die Wange kneifen 😉 Aber tatsächlich sind die Ratschläge aus dem Umfeld anstrengend, wenn es heißt, man verwöhne sein Kind, nur weil man ihm Urvertrauen geben möchte und auf sein Schreien reagiert… Ich kann auch die Frage nicht mehr hören:“Schläft X denn nun durch? “ 😦

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    • Danke für Dein Feedback . Lina schläft auch mit fast 13 Monaten nicht durch und das muss sie auch nicht. Unsere Kinder werden sich mal ganz großartige Menschen mit viel Urvertrauen-:) am besten man hört auf sein Herz und nicht auf irgendwelche Ratschläge.

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