Die Müttergang 4.0

Nachdem ich sowohl im Rückbildungskurs als auch bei der Babymassage keine Mütter getroffen hatte, die auf meiner Wellenlänge lagen, startete ich einen erneuten Versuch. Es musste da draußen doch Mamis geben, die mir ein bisschen die Einsamkeit nehmen würden ….

Die Babymassage war sowieso ein absoluter Reinfall gewesen. Mit einem Baby, das sich nicht einfach ablegen lässt und dann liegen bleibt wie ein Stück Holz, in einen solchen Kurs zu gehen, hmm … ich hatte schon bessere Ideen in meinem Leben. Bei dem Geschrei meiner Tochter wäre auch eine Unterhaltung mit einer anderen Mami gar nicht möglich gewesen. Nach zwei Terminen ließ ich es bleiben – Massagegenuss für Lina und Kontaktmöglichkeit für mich waren damit gestorben.

Der nächste Versuch war eine klassische Krabbelgruppe, obwohl mir bei dem Gedanken, mit anderen Mamis im Kreis zu sitzen und alberne Lieder zu trällern schon Zweifel kamen, ob dies wirklich das Richtige für mich ist. Und Lina? Würde sie auch diese Gruppe sprengen…. ?

Beim ersten Termin beäugten wir uns alle ein wenig schüchtern. Eine der Mamis kannte ich schon aus dem misslungenen Rückbildungskurs und ich freute mich sie zu sehen. Sie war mir in guter Erinnerung, denn sie war es gewesen, die mir an meinem Tiefpunkt mit meiner Tochter als einzige die helfende Hand gereicht hatte. Kleiner Rückblick: Bei einer meiner letzten Termine in diesem Kurs hatte meine Kleine einen sehr schlechten Tag. Schon morgens wanderte ich 2 Stunden lange mit der weinenden Lina im Wohnzimmer auf und ab.Kurz bevor ich los musste, schlief sie aber unverhofft in der Trage ein. „Super“, dachte ich und wagte es. Mit etwas Glück würde sie im Kurs neben den anderen Babys einfach friedlich weiter schlummern. Fehldiagnose meinerseits: Kurz vor Ankunft war meine Tochter wieder wach und hatte genügend Energie getankt, um ihre Laune richtig – und ich meine wirklich RICHTIG – zu zeigen. Die Hebamme öffnete die Tür und fragte freudestrahlend: „Na, wie geht es Euch beiden denn heute?“ Linas Antwort erfolgte mit ca. 120 Dezibel, was dem Lärm eines startenden Düsenflugzeugs in 100 Meter Entfernung entspricht. Tja, wie geht es einem, wenn man stundenlang versucht, sein Baby zu beruhigen? Als Lina kurz Luft holte, nutzte ich die Antwortgelegenheit und schluchzte nur: „Sie weint und weint und weint!“ Fünfzehn entsetzte Mütteraugenpaare und zwei Hebammenaugen starrten mich an. „Die ist ja völlig überfordert mit dem Kind“, sagten mir diese Blicke. Nur eine Mami stand auf, fasste mich am Arm und meinte: „Wenn Du magst, dann komm doch mal einen Nachmittag zu uns, vielleicht hilft es Euch“. Das war so unglaublich empathisch, dass ich noch lauter schluchzte und nur zu einem leisen „Danke“ fähig war.

Und genau diese Mami traf ich nun in der Krabbelgruppe wieder. Inzwischen weiß ich, dass sie einer der herzlichsten und auch lustigsten Menschen ist, die ich je getroffen habe. Auch die anderen Mütter der Gruppe erwiesen sich als echter Glücksgriff in der Elternzeit. So unterschiedlich wir auch sind, so ähnlich ticken wir, was die Kinder betrifft. Sie sind meine Müttergang, die ich nicht mehr missen möchte. Sie haben es ausgehalten, dass Lina die ersten 10 Termine in der Krabbelgruppe meist die letzten 45 Minuten weinend auf meinem Arm verbrachte. Sie haben mir das Gefühl vermittelt, trotzdem alles richtig zu machen. Das tat mir unglaublich gut. Nach jeder Krabbelgruppe klönten wir noch im Café und wurden nach und nach eine eingeschworene Gemeinschaft.

Die Krabbelgruppe ist mittlerweile zu Ende, aber die Mamis und ihre Kinder sind immer noch ein wichtiger Teil meines Lebens. Unsere WhatsApp Gruppe liest sich wie eine Doku-Soap und statt Google befrage ich lieber meine Müttergang. Wahrscheinlich hätten wir uns nie kennengelernt, wenn wir nicht zur ungefähr gleichen Zeit unsere Babys bekommen hätten. Gerade haben wir die ersten Geburtstage unserer Kinder gefeiert. Und eines weiß ich: es werden noch viele weitere folgen.

Allgemein

4 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Die Situation mit der babymassage kommt mir so bekannt vor. Ich hab immer gesagt, ich glaube mein Baby schreit lauter als eure und dann kommen diese Blicke, die dir sagen: “ Na klar, das denkt bestimmt jede Mutter.!“
    Und dann fing er an zu heulen und alle dachten, ich hätte ihm den Arm ausgekugelt oder so. Dieses unglaublich laute Geschrei bei dem du dir oropax in die Ohren stopfen willst, weil du Angst hast, dass du sonst taub wirst. 😉
    Jetzt ist er 2 Jahre und wenn er sich freut beim Spielen immer noch so extrem laut, da muss seine Schwester wohl durch.
    Ich mache jetzt übrigens nichts anderes als bei ihm, aber sie ist die Ruhe selbst. Und sie ist so leise, wenn sie fuchtig wird denken die Leute immer sie würde sich unterhalten. :O

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  2. Es ist wirklich wichtig, andere Mamas um sich zu haben mit denen man sich austauschen kann. Und diese in diversen Kursen zu finden, gar nicht so einfach. Denn – wie du richtig schreibst – die Chemie muss passen. Und umso älter wir werden, umso selektiver ist die Auswahl bei neuen Bekanntschaften. Aber es gibt später ja noch viele andere Gelegenheiten neue liebe Eltern kennenzulernen – bei uns war es zb. der Kindergarten.

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